Thesen

1. Dazwischen, Körperlichkeit und Gender in literarischen Werken postmigrantischer Autorinnen und Autoren muslimischer Abstammung: eine komparatistische Studie in der französisch-, italienisch- und deutschsprachigen Literatur

Forscherin: Gloria Coscia

Erstbetreuer: Hubert Roland

Die Dissertation widmet sich der komparatistischen Untersuchung literarischer Werke postmigrantischer Autorinnen und Autoren muslimischer Abstammung, die in französischer, deutscher und italienischer Sprache verfasst wurden. Neben der Analyse dieser Erzählungen aus einer postmigrantischen Perspektive stehen auch Fragestellungen zu Prozessen der Rassifizierung und Geschlechterzuschreibung im transkulturellen Kontext im Fokus. Ein besonderer Schwerpunkt der Studie liegt auf der Hinterfragung binärer Oppositionen im Hinblick auf Gender sowie auf der Kritik am klassischen Modell von Identität und Kultur, das häufig unzutreffend als homogenisierender Faktor dargestellt wird.

Im Rahmen der Untersuchung werden die postkoloniale Theorie sowie die Intersektionalitätstheorie herangezogen und angepasst, um die spezifischen Herausforderungen der Forschung zu beleuchten und ein differenziertes Verständnis der behandelten Themen zu ermöglichen.

Da die Dissertation in einem mehrsprachigen Kontext verortet ist, wird der Beziehung der Protagonist:innen zur Herkunftssprache ihrer Eltern sowie zur Sprache des europäischen Landes, in dem sie aufgewachsen sind und sozialisiert wurden, besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Im Fokus der Untersuchung steht die Frage, wie sich die Fluidität postmigrantischer Identitäten in der literarischen Form manifestiert.

Abschließend untersucht die Studie die Einflüsse des Raumes auf die Protagonist:innen der analysierten Werke. Dabei liegt der Schwerpunkt insbesondere auf der Dichotomie zwischen dem jeweiligen europäischen Land und dem Herkunftsland der Eltern sowie auf der Gegenüberstellung von Stadtzentren und Peripherien. Die Analyse berücksichtigt zudem die Positionierung des Individuums im Verhältnis zum Kollektiv.


2. Zwischen verkörperten heterogenen kulturellen Bestimmungen und dem Ausdruck von Männlichkeit in autobiografischen Erzählungen französischsprachiger Autoren muslimischer Abstammung 

Forscherin: Serena Finotello

Erstbetreuerin: Brigitte Maréchal

In dieser Dissertation werden verschiedene autobiografische Romane von postmigrantischen französischsprachigen Autoren muslimischer Abstammung analysiert und miteinander verglichen. Darüber hinaus werden mehrere Interviews mit den Autoren selbst, darunter Magyd Cherfi, Kenan Görgün und Ismaël Saidi, in die Untersuchung einbezogen.

In theoretischer Perspektive beruht dieses Projekt auf dem von Bernard Lahire (1998, 2013) entwickelten „dispositionalistischen und kontextualistischen“ Ansatz. Dieser geht davon aus, dass soziale Akteure, die unterschiedlichen Sozialisationsrahmen ausgesetzt sind, vielfältige und mitunter widersprüchliche Handlungsschemata übernehmen. Diese Schemata werden von den Akteuren neu interpretiert und in bestimmten Situationen jeweils mobilisiert oder gezielt nicht eingesetzt.

Die Studie geht dementsprechend von der Begrifflichkeit eines „homme pluriel“ (Lahire, 2016) aus, der verschiedene sozialisierende Kontexte durchläuft und Träger einer Vielzahl von Dispositionen ist – also einer Ansammlung vielfältiger, nicht immer miteinander kompatibler Erfahrungen. Im Einzelnen befasst sich die Untersuchung mit den Ausdrucksformen der Männlichkeit, die als roter Faden die Werke postmigrantischer Schriftsteller durchziehen. Es wird nach den spezifischen Modalitäten der Wiederaneignung und Transformation ererbter Modelle vor dem Hintergrund des familiären, kulturellen und religiösen Hintergrundes Erbes gefragt.

Methodisch verfolgt die Dissertation eine diachrone Perspektive, indem sie literarische Analysen und Interviews abwechselt. Mithilfe einer theoriegeleiteten Analyse, die in eine strukturelle Inhaltsanalyse eingebettet ist, sollen Veränderungen, Dissonanzen, Herausforderungen, Mehrdeutigkeiten und Ambivalenzen identifiziert und untersucht werden.


3. Identitätskonstruktion in der Musikproduktion postmigrantischer männlicher Rapper auf Italienisch und Englisch: Eine Untersuchung der Metakommunikation und der Beziehung zum Publikum

Forscherin: Letizia Sassi

Erstbetreuer: Costantino Maeder

Diese Dissertation entwickelt ein neues postmigrantisches Analysemodell, das über rein biografische, thematische oder soziologische Lesarten Kunstformen hinausgeht. Indem die Arbeit das Postmigrantische von der Herkunft der Autorschaft entkoppelt, versteht sie Postmigration nicht als demografische Kategorie, sondern als eigenständige, kritische Methode der Textinterpretation. Angewendet wird dieser Rahmen in einer vergleichenden musikwissenschaftlichen Untersuchung eines zweisprachigen europäischen Rap-Korpus mit Mahmood, Ghali, Baby Gang, J Hus, Dave und Central Cee.

Die Arbeit gliedert sich in drei zentrale Schwerpunkte. Der erste Bereich untersucht das Konzept der „strukturellen Aphasie“ und zeigt, wie Stille, Lärm und Opazität als gezielte literarische Mittel eingesetzt werden, um gewohnte Kommunikationsmuster zu durchbrechen. Der zweite Schwerpunkt hinterfragt die leistungsorientierte Logik der kognitiven Metapher „life is a journey“ und zeichnet den Weg von erzwungener räumlicher Isolation hin zu einer inneren, souveränen Ruhe nach. Der dritte Bereich verbindet schließlich Henry Louis Gates Jr.s Konzept der vernakulären Revision mit Naika Foroutans Interaktionsmodellen zum Begriff des postmigrant signifyin(g).

Die Studie macht deutlich, dass diese Künstler weit mehr tun, als ein globales Genre zu adaptieren. Indem sie sich den bestehenden Kanon aneignen und ihn umdeuten („signifying with“), verändern sie das nationale Selbstverständnis aus dessen Mitte heraus. Damit liefert die Dissertation einen Beitrag zu den Postmigration Studies und den Popular Music Studies und zeigt, wie diese Kulturschaffenden mit voller diskursiver Souveränität ein neues, pluralistisches europäisches Imaginäres mitgestalten.